Heimweh

Über die Gründe des Reisens.

Und etwas was man nur finden kann, wenn man fort ist.

 

 

Irgendwo einmal las oder hörte ich weise Worte:

Es gibt zwei Arten von Reisenden. Einmal jene, welche reisen um zu entfliehen: der Heimat, eine oder mehrere Erfahrungen, Unglück in der Liebe, Unzufriedenheit in der Arbeit und dem Leben allgemein. Sie erhoffen dieses jene auf einer Reise hinter sich lassen zu können. Wollen ihren Kopf mit anderen Dingen füllen. Sich eventuell neu kennenlernen oder sogar neu erfinden?

Die zweite Art reist aus purer Neugierde. Aus Lust an Abenteuern und dem Unbekannten. Sie folgen dem Drang in die Welt zu wollen.

 

 

Auch wenn ich glaube, dass immer etwas von dem einen Grund auch im anderen zu finden ist, zählte ich mich stets zur zweiten Variante. Ich kündigte meinen Job nicht, weil ich unglücklich war. Ich verließ Dresden nicht, weil ich etwas hinter mir lassen wollte. Im Gegenteil: Ich war glücklich dort. Mir war bewusst, dass ich meine Familie, Freunde, ja und mein normales Alltagsleben auch vermissen würde. Das Klettern in der Säschischen Schweiz, Ausflüge hier und dorthin, Kaffee und Weine zusammen zu schlürfen, beieinander sein. Dennoch war mein Traum einer Radreise größer. Stets lebte er in meinem Hinterkopf und klopfte an, wollte gehört werden. Die Lust auf etwas Großes, neues, Unbekanntes war mal wieder da und anstatt es immer nach hinten zu schieben, wie es so viele tun, entschied ich eines Tages: Aufhören zu Träumen. TUN.

 

 

"[...] Tiere wandern unter dem Zwang des Naturgesetzes dem Licht, der Wärme und der Nahrung nach, wie Schlingpflanzen an unsichtbaren Stauden. Und auch Menschen, die in Geschäften reisen, und sei es rund um die Erde, sind nur solche Schlingpflanzen. Aber in Freiheit reisen, aus bloßer Neugierde reisen und sei es nur eine Meile weit, bedeutet etwas Ungeheueres: Rebellion gegen die Natur, autonom gewordenes Menschentum außerhalb des Gesetzes. Es wird einem schwindlig, wenn man es bedenkt. (Ein Glück, daß Hochtouristen dies selten tun.) Denn jetzt erst hat man seine Wurzel aus dem Boden gerissen, sich locker gemacht, losgelöst, gegenübergestellt. Man könnte fast Angst bekommen, daß der rollende Erdball einen abwirft, wie das Wagenrad den Straßenkot. Wenn einer in Geschäften reist, kommt er nicht weit. Er kommt überhaupt nicht in die Fremde, denn er bleibt eingeschlossen in seinen organischen Lebensprozeß. Seine Reisen bleiben externe Funktionen seiner Ernährung, wobei zwischen der Verdauungsarbeit seiner Gedärme und seiner Ozeanfahrt kein prinzipieller Unterschied ist.

Reist man aber frei, reist man aus sich heraus, dann wird schon der Bahnhof, was er für uns in unserer Kindheit war: mystischer Hafen der Abenteuer und des Schicksals. Wir spüren den süßen Kohlenduft der Ferne, und mit roten Lampen winkt uns das Unbekannte. Wir schauen den Kondukteur mit bangem Vertrauen wie einst den alten Pfarrer an. Er ist nicht nur Staatsangestellter, sondern auch Wärter unseres Schicksals. Vielleicht ein Wissender. Reisegefährten werden zu Schicksalsgefährten, und man spricht mit ihnen.

Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob man wirklich weit weg in unbekannte Fremde fährt. Dieser Zustand des Reisens ist ein innerer Zustand. Man verhält sich anders zur Außenwelt. Man hat die Scheuklappen der vorgesteckten Ziele abgeworfen und die Gesetzesbande der Notwendigkeit. Man hat sich entblößt vor Zufall und Möglichkeit, in verliebter Sehnsucht. Denn Reisen heißt sich darbieten. Nicht, indem man die Welt an sich herankommen läßt. Man müßte dabei gar nicht aus dem Zimmer gehen.

Es gibt Glückliche, die ihr ganzes Leben auf Reisen verbringen, ohne die Stadt zu verlassen. Man nennt sie Dichter. Von Cervantes bis Fritz Reuter wissen wir von manchen, die, lange Jahre in eine Zelle gesperrt, alle Tage eine Fülle von Abenteuern erlebten. Vielleicht müßte man gar nicht aus dem Zimmer gehen?

Menschen, die nicht die Vitalität aufbringen, über jede Stunde wie über ein neues Wunder zu staunen, brauchen den äußeren Reiz, die Injektionen der Reiseeindrücke, um nicht einzuschlafen. Der stumpfste, phantasieloseste unter allen Menschen muß der Globetrotter sein.

Doch eines ist da, scheint mir, was man nicht erleben kann, ohne wegzufahren, und ist doch das tiefste und süßeste aller Erlebnisse: das Heimweh. Denn wo ist man zu Hause? Nicht unbedingt dort, wo man wohnt. Und kein Wohlbehagen zeigt es uns an. Nur dieses Weh. Wer es nicht kennt, hat keine Heimat. Vielleicht fährt man manchmal nur fort, um im Heimweh eine Heimat zu erleben?

Und wem dies nicht gelingt, der denkt sich: Bist du ein Fremdling, so tust du gut daran, weiter zu wandern, um Distanz zu behalten. Denn das Gemüt ist klebrig, und leicht entsteht die Lüge einer Scheinheimat.

Wandere weiter und bleibe fremd."

 

[Béla Balázs: Reisen, aus: Genschow, Karen: Kleine Philosophie des Reisens. Fischer 2012. S. 9-11]

 

 

Und ich ging auf Reise. Bin es immer noch. Wollte auch noch bis nach Griechenland. Und plötzlich kam da dieses Gefühl... Eine Sehnsucht. Nicht für die Weite, sondern es zog mich gen Heimat. Die Gründe dafür sind verschieden und vielfältig. Nicht zuletzt trug das Wetter und der schwindende Sommer (der ja eigentlich nie richtig da war für mich) einen großen Teil dazu bei. Mal für ein paar Nächte in der Kälte zu radeln und zu campieren ist schön, aber auf Dauer bin ich wohl eher ein Wärmeliebender Mensch. Zumal mein Schlafsack auch schon bessere Zeiten hinter sich hat.

 

Somit ziehe ich nun durch Polen gen Heimat: Dresden.

 

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Erinnerungen.

Von herzerwärmenden Kindheitserinnerungen

und über das Nichtstun.

Ach ja - und ein Haufen Bilder.

 

 

Schweden hat und hatte schon immer einen besonderen Wert für mich. Es ist nicht nur irgendein Land. Es hat besonderen Status für mich. Grund ist meine Kindheit.

Schon als ich noch im Bauch meiner Mutter war, schwamm ich mit ihr in einem See in Värmland, Schweden. Von da an plätscherte ich jedes Jahr meiner Kindheit in diesem Wasser. Selbst über die Kindheit hinaus zog es mich immer wieder dahin. Schuld sind wohl meine Großeltern. Vor 35 Jahren entschieden sich diese dort ein kleines Häuschen am Waldesrand zu bauen. Sie verbrachten daraufhin fast das ganze Jahr dort, kamen nur selten nach Deutschland. Dementsprechend verbrachte meine Familie dann jeden Sommer und teilweise auch die Winterurlaube dort.

 

 

Meine Familie wohnte in verschiedenen Häusern, aber immer in der Nähe meiner Großeltern. Anfangs war das ein großes, altes Haus auf einem Hügel. Es war wunderschön. Weder hatte es fließend warmes Wasser noch eine funktionierende richtige Toilette. Wir gingen hinaus aufs Plumpsklo, wo man dank zweier Löcher sogar nebeneinander sitzen konnte ;) Von dort sahen wir hinab auf die Felder und den Waldesrand, beobachteten sogar hin und wieder Elche, während wir unsere Geschäfte erledigten. Mittels einem alten Holzkahn fuhren wir dann übers Wasser zu meinen Großeltern, wo wir mehr oder weniger den ganzen Tag am Wasser verbrachten. Mein jüngerer Bruder und ich waren mehr im Wasser als außerhalb. Immer wieder erstaunlich, dass Kinder kein kaltes Wasser zu scheuen scheinen. Meine Mutter oder Oma riefen und beorderten uns hin und wieder zum Lippen vorzeigen. Selbst wenn diese schon ganz blau und wir am zittern waren, wollten wir partout nicht aus dem Wasser. Hatten wir doch gerade erst neues Land erobert und die Piraten in die Flucht geschlagen.

 

 

Wir waren Entdecker, Segler, Taucher und Abenteurer. Fuhren auf dem Surfbrett meines Vaters zum nächsten Felsen, gingen von Bord um das neue Land zu erkundschaften. Tauchten durch das kristallklare Wasser und beobachteten die Fische unter uns. Opa nahm uns mit zum Angeln. Sommer wie Winter waren wir aber immer zu laut und somit schuld, wenn die erhofften Fische ausblieben. Dennoch zeigen alte Fotos meinen Bruder, wie er stolz den einen oder anderen Fisch in die Kamera hält und dabei höchst angestrengt schaut, da die Fische halb so groß sind wie er. Des Öfteren saßen wir Stunden in dem Boot, weil sich die vielen Angelschnüre meines Opas völlig verhedderten. Die Hälfte der Zeit verbrachte er dann damit, diese wieder auseinander zu sortieren.

Wir sammelten Pilze und strömerten durch die Wälder. Mama sandte uns hin und wieder mit einem Eimerchen ausgestattet in die Beeren. Walderdbeeren, Himbeeren und Blaubeeren sollten wir pflücken. Leider kamen wir meist mit schlechter Ausbeute, aber komplett rot beschmierten Mündern nach Hause. Wir wanderten über Wildwiesen, entlang von kleinen Feldwegen und sprangen durch Pfützen.

 

 

In Pfützen sammelten wir Kaulquappen. Dem Tod durch Sonneneinstrahlung und Austrocknung wollten wir sie nicht Überlassen. Somit brachten wir sie in den See und ließen sie frei. Riesige Grashüpfer wurden eingefangen und ein Weilchen im großen Glas beobachtet, bis wir sie wieder in die Freiheit entließen.

Das Haus meiner Großeltern war und ist ein Ort der puren Gemütlichkeit für mich. Wie bei vielen ist Oma sowieso die beste Köchin und Opa der Beste, da er mir die Füße kraulte. Hier hatte ich jedoch regelmäßig Kämpfe gegen den Kater auszufechten, da der seinen Platz neben Opa für sich beanspruchte. Meistens lief es also auf eine Art Kette hinaus: Ich kraulte den Kater und mein Opa meine Füße.

 

 

Wir wurden uns selbst überlassen. Wir konnten machen, was wir wollten. Wir waren jeglicher Zeit entrissen. So wie bei Langzeitreisenden, die vergessen welcher Wochentag ist. Wir erlebten dort eine Art eine Bullerbü-Romantik. Es waren die schönsten Ferien meiner Kindheit. Jeden Sommer. Selbst als Erwachsene fuhr ich in das Haus meiner Großeltern. Ich verbrachte meine Sommerferien von der Arbeit teilweise alleine im Haus im Wald und machte: ? Nichts. Nichts und doch soviel. Ich las. Ich kochte. Ich ging in die Pilze. Ich lag in der Sonne. Ich spazierte in der Gegend. Ich roch die Frische, welcher nach einem Sommerregen in der Luft lag. Ich saß in der Sonne und tat nichts. Ich genoss das Nichtstun. Ich war faul. Ich war alleine. Ich kam zu mir. Ich atmete.

Schweden scheint für mich zu einer Art Metapher geworden zu sein. Wenn ich die Wälder hier sehe, die Seen, die Blumenwiesen und einzelne rote Farbtupfer, alte Holzhäuser, merke ich wie sofort dieses Gefühl in mir aufkommt. Ruhe breitet sich aus.

 

 

Was haben wir in den Sommerferien gemacht? Nicht viel. Keine Ausflüge, keine Besuche irgendwelcher Entertainment-Parks, keine Weiterbildung, keine Kurse. Wir waren einfach nur da. Und ich fühlte mich freier denn je. Wir leben in einer Gesellschaft, die eine stete Leistung erwartet. Ein stetes TUN. Eine allgemeine Umtriebigkeit. Alles soll optimal genutzt werden. Man soll sich stets weiter entwickeln. Neue Dinge erleben. Auch in der Freizeit, im Wochenende, im Urlaub. Es gibt Erwartungserhaltungen, die man bestmöglich auf Instagram, facebook und co erfüllt. Beweise der Gesellschaft, dass du etwas GETAN hast, deine Zeit optimal GENUTZT hast, dass du etwas ERLEBT hast. Wir hatten genau das Gegenteil. Fuhren jede Sommerferien an den gleichen Ort, taten das gleiche und fuhren eben nicht in irgendwelche weit entfernten Länder. Zurück in der Schule war ich manchmal traurig und beneidete die anderen Kinder, welche von Hotelanlagen erzählten. Heute bin ich froher denn je, dass wir die Sommer so verbrachten, wie wir sie verbrachten. Mit vermeintlichem Nichtstun und nur DASEIN.

 

 

Das brauche ich immer noch. Vermeintliches Nichtstun. Die Seele baumeln lassen. In der Gegend herum starren und die Gedanken wandern lassen. Tagträumen. Oder Gesellschaft genießen.

Während meiner Schwedentour besuchten mich zwei Freunde aus Dresden für zehn Tage. Das Fahrradfahren wurde zur Nebensache. Stattdessen verbrachten wir Stunden am Morgen mit Quatschen und Lachen. Genossen das Beisammensein. Gegen 2 oder 3 Uhr nachmittags schafften auch wir es dann mal aufs Rad und fuhren noch unsere 70 km um etwas voran zu kommen, bis wir das nächste Lagerfeuer entfachten und weiter redeten.

 

 

Aktuell befinde ich mich in Tallinn, Estland. In Stockholm und hier habe ich mal wieder ein paar längere Tage pausiert und rum gebummelt. Zeit mit tollen Menschen verbracht und dies und das getan. Ich besuchte Peter (von den Lofoten), sah Rebecka wieder (mit der ich in Norwegen zusammen fuhr) und bekam erneut Besuch aus Deutschland.

 

 

In den nächsten Tagen geht es dann aber endlich wieder aufs Fahrrad. Das Baltikum und Osteuropa erwartet mich!

 

 

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Waldeinsamkeit.

Über das einzige indigene Volk Europas, kleine Begegnungen und den Genuss der Natur.

Die Bedeutung des Wortes 'lagom' und warum ich 'fika'-Fan bin.

Und was Schweden sonst noch so ausmacht.

 

 

Das liebliche Schweden. Über einen Monat fuhr ich nun durch das Land. Die Landschaft ist weitaus weniger abwechslungsreich als die norwegische Küste. Von der Grenze bis Kiruna ziehen sich noch die Ausläufe der Berge dahin. Bald hören auch diese auf. Stattdessen wird nun der Wald, welcher im Norden recht dünn und niedrig gewachsen ist langsam immer dichter und höher. Ein See nach dem anderen taucht auf. Alles wirkt weniger spektakulär, aber eben auch weitaus weniger rauh. Das Wetter ist beständiger. Zwar ist es auch hier nicht wirklich warm, aber das scheint am Sommer '17 allgemein zu liegen, wie mir viele versichern. Ich bin glücklich, solange ich nicht wieder im Dauerregen radele. Anfangs sehe ich kaum Häuser, nur alle 50-100 km tauchen gefühlt welche auf. Ansonsten fahre ich durch viel Wald und Sumpflandschaften, nicht zu vergessen immer wieder die Seen. Am liebsten würde ich nur auf Gravelroads fahren, aber leider scheinen sich diese im hohen Norden nicht wirklich zu verbinden. Ich finde nämlich keine Routen, nur Ausläufer nach links und rechts. Erst nach einer Weile kann ich endlich von der geteerten Straße weg und finde offroad Pisten - sie kosten zwar mehr Zeit, da sie antrengender sind zu fahren und ich auch viele Zick Zacks mache, aber ich habe Ruhe. Absolute Ruhe. Sehe meist nur Rentiere, Elche und vielleicht ein - zwei Autos pro Tag. Irgendwann beginnen dann die typischen roten Häuser. Sie stehen inmitten von Blumenwiesen und reihen sich in die sanften Hügellandschaften. Seen rechts und links. Felsen schauen hervor. Bauernhöfe mit mehreren Häusern erinnern an frühere Zeiten. Alte Holzzäune trennen die Kühe von den Pferden und runden das Bild ab. Ich befinde mich inmitten der lieblich romantischen Astrid Lindgren Welt.

 

 

Das besseres Wetter zieht mehr Kontakt mit Menschen nach sich. Als ich vor einem Supermarkt in einem kleinen Dorf ein Brot esse, bittet mich ein älterer Herr auf ihn zu warten, bis er wieder zurück kommen würde. 'Young lady, please wait here. I have a present for you.' Als er 10 Minuten später langsam und etwas wackelig wieder kommt, gibt er mir einen Hut mit Mückennetz. Er müsse mir diesen als Schutz geben, er hätte Angst, dass ich sonst aufgefressen werde.

An einem See kommt abends bevor ich ins Zelt huschen will ein ukrainische Päarchen an. Sie wollen noch Borscht kochen und laden mich ein. Da ich hundemüde bin, gehe ich allerdings ins Zelt und wir verabreden uns für den nächsten Morgen. Als ich gegen 10.30 Uhr aufbrechen will, wachen beide auf und lassen mich partout nicht aufs Fahrrad steigen bevor ich ihre Suppe esse. Aus der kurzen, leckeren! Suppe wird ein ein zweistündiges Gespräch inklusive Kaffee. Da beide leider kein Englisch sprechen, kommunizieren wir nur übers Smartphone und Übersetzungsapps. Irgendwie lustig. Noch vor ein paar Jahren wäre das Gespräch nur mit Hand und Fuß verlaufen. Heute können wir uns sogar in einer simplen Sprache über Politik austauschen.

 

 

Ich besuche das Eishotel in Kiruna und bin verzaubert von der Kunst, die mich umgibt. Jedes Zimmer ist mit Hand erbaut und individuell. Es herrschen -5°C und ich fühle mich zwischen all den majestätischen bauten wie eine Eisprinzessin. Gekühlt wird das Hotel übrigens mit Solarkraft, sehr effektiv, da die Sonne ja nicht untergeht.

 

Ebenso lerne ich viel über die Kultur und das Volk der Samen während eines Besuches in einem Samen-Dorf nahe Kiruna. Die Samen sind das einzige indigene Volk Europas. Und wie alle indigenen Völker haben sie eine lange Geschichte des Kampfes um Rechte und Traditionen hinter sich. Zentrale Bedeutung hatte und hat das Rentier. Sie leben mit und von dem Tier. Rentiere begegnen mir täglich auf der Straße und ich versuche die Kennzeichen an den Ohren auszumachen. Jedes Tier hat eine familientypische Markierung und somit ist deutlich, zu wem es gehört. Das Geweih macht jedes Tier unverwechselbar, denn es ist einzigartig. Übrigens kann das Geweih bis zu zwei Zentimeter am Tag wachsen.

 

 

Das Campieren ist ein absoluter Traum. Ich glaube ich habe in ganz Schweden nur einen Abend NICHT an einem See mein Zelt aufgestellt. Das war der letzte Abend bevor ich Stockholm erreichte. Ansonsten hatte ich jeden Abend traumhafte Spots mit eigener Wasser- und Badestelle. Ein wahres Paradies fürs Wildcampen und Reisen mit dem Fahrrad. Auch wenn ich einige Menschen treffe und liebenswerte Couchsurfer Hosts habe, bin ich doch die meiste Zeit alleine. Ich radele entlang wenig befahrener Straßen, beginne mit Mücken zu reden und brabele auch sonst ein wenig vor mich hin. Ich zelte an einsamen Seen und Wäldern. Stoppe, wenn ich Blaubeeren sehe und gehe in den Wald um ein paar Handvoll zu pflücken. Als ich förmlich über Pfifferlinge stolpere, koche ich mein Abendessen aus ihnen. Ich sitze vor meinem Zelt und genieße die Sonnenuntergänge über dem Wasser. Teilweise mache ich Feuer, sodass perfekte Lagerfeuerromantik herrscht. Ich bin alleine, aber nicht einsam. Dennoch genieße ich die Waldeinsamkeit. Das pure SEIN in der Natur. Keine Hunderte von Menschen um mich herum. Keine Zivilisation. Ich finde Stille und Ruhe. Empfinde absolutes Wohlsein. Und Freude.

 

 

IKEA, H&M, Astrid Lindgren... Einigen sagt der Midsommar-Brauch vielleicht noch etwas. Schweden ist aber mehr. Mein persönlicher Favourit ist wohl das Wort 'fika'. Die Übersetzung ist erstmal nicht mehr als 'Kaffee' oder 'Kaffeepause'. Tatsächlich aber ist es mehr als nur ein Wort. Es ist eine tief verankerte soziale Institution. Man trinkt alleine oder gemeinsam einen Kaffee, isst eventuell noch etwas Süßes oder ein belegtes Brot dazu. Im besten Falle hat man täglich mehrere fikas. Man trifft sich mit Freunden, Kollegen oder man hat mit sich selbst eine. Im Mittelpunkt steht hier die Gemütlichkeit und Entspannung. Das a.u.s.g.e.d.e.h.n.t.e Kaffeetrinken.

Nun habe ich endlich einen Namen und Legitimation für meine nachmittäglichen Kaffeepausen. Für mich ist es einer der schönsten Momente des Tages, wenn ich mir irgendwo ein lauschiges Plätzchen suche, vom Fahrrad steige und eine ausgedehnte Pause in der Sonne machen kann. Ich hole den Kocher raus und genieße eine Tasse Outdoorkaffee während die Bienen um mich summen, ich im Grünen sitze und einfach nichts mache.

 

 

Ein ebenso interessantes Wort, was man auch nicht so einfach übersetzen kann, ist 'lagom'. Es beudetet so viel wie 'gerade richtig', nicht zu viel und nicht zu wenig. Oder auch Mittelmaß. Ich bekam dieses Wort häufig als Antwort auf meine Frage zu hören, was denn typisch schwedisch sei. Es ist ein eigenes Wort und findet sich nicht so einfach in einer anderen Sprache wieder (außer norwegisch und finnisch). Es lässt sich nur erklären. Damit macht es sich selbst einzigartig und gleichzeitig die Schweden stolz. Es weist darauf hin, dass die Schweden den Mittelweg lieben. Alles ist lagom, die Politik, die Menschen, der eigene Lebenslauf. Man ist zufrieden, wenn es lagom ist. Es ist wie ein Ideal, wenn es lagom ist. Ein Zustand, der allgemeinen Zufriedenheit und des Mittelweges. An und für sich ja wunderbar, wenn ein ganzes Volk ständig zufrieden ist. Könnte einen ja neidisch machen.

Interessant war aber, was sich daraus für Diskussionen ergaben. Schweden wären teilweise zu sehr darauf bestrebt, lagom zu sein. Immer mit allen Gesprächs- oder Verhandlungspartnern in Übereinstimmung sein zu müssen. Man hätte Angst anzuecken. Ebenso würde manchmal eben auch Kritik vermisst. Anstatt immer mit dem gegebenen Zustand zufrieden zu sein, könnte man eben auch mehr tun. Auf etwas aufmerksam machen, etwas weiter entwickeln, etwas verbessern. Eben nicht immer nur mit dem status quo zufrieden zu sein (auch wenn dieser im Vergleich zu anderen Nationen sehr erstrebenswert ist).

 

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an euch Leser. An die Verfasser von Kommentaren, lieben E-mails, aufmunternden Worte, Fragensteller und an die Unterstützer des Spendenbuttons!

 

 

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Moving pictures.

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Gegenteile (2).

Offen und Schüchtern.

Arm und Reich.

Patriarchalische Strukturen und gelebte Gleichberechtigung.

 Über die Gegenteile unserer Welt.

Und etwas, was überall gleich nervt.

 

(Teil 2)

 

 

(Die Fotos stammen alle von den Lofoten)

Danke an Peter für ein paar der Fotos!

 

Kalt und Warm. Im letzten Blogeintrag sprach ich von Temperatur und Klima Unterschieden. Diese haben vielleicht auch einen Einfluss auf die Mentalität der Menschen? Bekanntlich sind die Menschen des Südens offener und lachen mehr. Denken wir nur an Italiener, Spanier und Franzosen. Die Nordlichter etwas verschlossener. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht. Ich kam aus Kalifornien nach Norwegen geflogen, war vorher in Guatemala und Mexiko. Und die Unterschiede könnten wohl nicht krasser sein. In der USA kommt man sowieso leichter mit Fremden ins Gespräch. Ein 'How ist it going?' liegt jedem auf den Lippen. Dort sprach uns so gut wie jeder auf die beladenen Räder an. Vor allem in Städten, wenn das Fahrrad neben einem stand wurde man immer in Gespräche verwickelt. Wo kommst du her, wo geht es hin, wieviele Kilometer, wo schlaft ihr etc. Manchmal war es fast schon nervig. Zu dritt unterwegs auf den Rädern lachten wir uns manchmal gegenseitig an, zwinkerten uns zu und gaben Signale: 'Du bist dran mit Antworten und zur Rede stehen haha'. Teilweise wollten wir einfach nur in Ruhe essen, kamen aber nicht dazu. Oder einfach mal im Cafe abhängen und das WIFI nutzen. In Mexiko, speziell auf der Baja California, wurden wir angehupt. Uns wurde so oft aus den Autos zugewunken, dass ich beim hochwärts fahren kaum meinen Lenker halten konnte, da ich stets versuchte zurück zu winken. Auch dort wurden wir ständig angesprochen. Sogar in den gualtemaltekischen Maya Dörfern, wo die Menschen sonst sehr schüchtern waren, lachten mich vor allem Frauen an, sehr zur Enttäuschung meines damaligen Reisepartners Kieran. Er bekam kein Lächeln von weiblicher Seite. Dies wäre aus deren kultureller Sicht unangebracht gewesen. Ganz zu schweigen von den Kindern in den kleinen Dörfern Mittelamerikas. 'Gringo' und 'Gringa' schrien sie laut und rannten uns entgegen. Ursprünglich mal eher ein unschönes Wort für die 'weißen Amerikaner' wird es heute aber meist nicht mehr im negativen Kontext benutzt. Die Kinder blieben am Straßenrand stehen, streckten uns für eine HighFive ihre Hände entgegen und strahlten um die Wette. Kleine Jungen, vielleicht 8-12 Jahre alt trugen kiloschweres Holz auf dem Rücken die Berge hinab, ihnen rannte der Schweiß von der Stirn, aber sie freuten sich tierisch, wenn sie uns sahen. Die Mädchen balancierten Wasserkrüge auf ihren Köpfen und sahen uns mit großen Augen an. Nicht selten bekamen wir Einladungen von Menschen, denen wir zufällig über den Weg liefen. Ob wir einen Schlafplatz bräuchten? Oder nur unsere Frage nach der nächst gelegenen Campingmöglichkeit zog eine Einladung nach sich.

Hier ist das etwas anders. Wenn ich mir unbekannte Menschen anlache erkenne ich für eine Viertel- oder Halbesekunde Überraschung in den Augen und im Ausdruck. Erschrockenheit. Ungewohntheit. Dann kommt vielleicht ein Lächeln zurück. Nicht immer. Manchmal wird scheu oder verwirrt weg geschaut. Selten sind sie es, die zuerst lachen. Obwohl ich oft meine Neugierde in den Blicken zu erkennen. Ich spüre wie sie schauen, aber sobald ich offen zurück gucke wird der Kopf weg gedreht. Norweger und Schweden erscheinen verschlossener und schüchtern. Radreisende sind hier natürlich auch nichts besonderes. Gerade an der norwegischen Küste gibts Hunderte von uns. Aber es geht ja auch nicht ums 'besonders sein'. Auf dem Pacific Coast Trail der USA sind Radreisende keine Seltenheit und dennoch gab es diese kleinen Begegnungen, die kurzen Gespräche, den Daumen die man gezeigt bekommt, wenn man die Ansteigungen hoch fährt. Das Lachen auf den Gesichtern. Das motiviert, das macht Spaß und erfreut mich. Ich bin ein offener Mensch, interessiert an Begegnungen und gehe gerne lachend durch die Welt. Ich glaube die Menschen hier brauchen etwas mehr Zeit zum Auftauen. Gibt man ihnen etwas Zeit, sind die Menschen hier warmherzig und offen. Liebe und hilfsbereite Menschen. Ich bin mal wieder dankbar für Netzwerke wie Couchsurfing und Warmshowers. Sie erleichtern das in Kontakt Treten mit Menschen, sodass ich nicht komplett alleine bin.

 

 

Wo es kein Winken und kein Grüßen auf der Straße gibt, da gibt es aber auch kein Pfeifen. Keine Kusshände, die mir zugeworfen werden. Keine internationalen und sehr offensichtliche Gesten, die ich versuche zu übersehen. Keine Kommentare, die ich mit meinen wenigen Spanischkenntnissen zum Glück nicht verstehe. Im Nachhinein bin ich froh, durch Mexiko, Belize und Guatemala nicht alleine gereist zu sein. Denn es war teilweise doch sehr nervig. Die blonden Haare machten die Sache wohl auch nicht leichter. Selbst wenn Kieran oder Jesse einen Meter vor oder hinter mir mit ihrem Rad fuhren, flogen Luftküsse zu mir. Als ich mal wieder krank und so geschwächt war, dass ich nicht mehr Laufen konnte und per Taxi zum Krankenhaus fuhr, versuchte mich der Taxifahrer zu überreden seinen Sohn zu heiraten. Zeigte mir immer wieder sein Foto. So etwas passierte nicht nur einmal. Ich nahm es mit Humor. Abgesehen von Ausnahmen in der Bildungsschicht, üben Frauen in Mittelamerika noch typisch traditionelle Rollen aus. Sie stehen kochend am Herd und haben sich um die Kinder zu kümmern. Die Frau setzt sich als letzte an den Tisch während die anderen schon fast fertig sind mit Essen. Ich wurde oft gefragt, warum ich denn mit fast 30 noch nicht verheiratet wäre? Mitleidig wurde ich angeschaut.

Hier in Skandinavien spüre ich eine Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Ich glaube sie sogar stärker als in Deutschland wahrzunehmen. Aber vielleicht sind das auch die Statistiken, die in meinem Kopf umher spuken und mich dies glauben machen. Ich bekomme nicht ständig die Frage 'Du machst als Frau eine Radreise?' zu hören. 'Ihr zwei Frauen radelt alleine?' Wie oft habe ich, bzw. wir solche Kommentare gehört. In der USA wie auch in Mexiko. Hier in Norwegen und Schweden hörte das auf. Zum Glück.

 

 

Ist es nicht auch komisch, dass gerade in den armen Ländern die Gastfreundlichkeit und die Bereitschaft zu teilen meist sehr hoch ist? Ich möchte nicht sagen, dass wir in den entwickelten Industrienationen nicht gastfreundlich sind. Aber meine Erfahrungen decken sich mit denen anderer. In vielen armen Ländern erscheint es intensiver. Vielleicht wirkt es aber auch nur so. Von einer Person eingeladen zu werden, die selbst wenig hat, fühlt sich eben krasser an.

In Mexiko und Mittelamerika durften wir in Häusern und Hütten nächtigen, die kein fließend Wasser hatten. Anstatt sich unter eine Dusche zu stellen, haben wir uns mit Plastikbechern aus der Regentonne nass gemacht. Gekocht wurde auf befeuerten Herden. Teilen ist ein wesentlicher Part des Lebens und der Kultur. Dies sind nur Beispiele.

Vor allem in Norwegen hingegen ist der Wohlstand überall ersichtlich. Sei es in der allgemeinen Infrastruktur (zb. werden kleinste Dörfer durch einen vier kilometerlangem Tunnel mit der Hauptstraße verbunden) oder auch in der privaten Sphäre. Fast jeder besitzt eine (oder auch zwei) Hütten bzw. Wochenendhäuser in der Natur. Was war es denn nun, dass Norwegen so reich machte? Die Fischerei oder das Öl? Auf Nachfragen bekam ich unterschiedliche Antworten.

 

Auch wenn ich durch meine dreimonatige Pause in Kalifornien glaubte den Kultuschock bereits verarbeitet zu haben, erwischte er mich dennoch. Über ein halbes Jahr verbrachte ich in Mexiko, Belize und Guatemala. Diese Zeit prägte mich sehr. Daher habe ich wohl all diese Unterschiede sehr stark wahr genommen.

 

Eine Sache bleibt überall gleich. Egal ob in der USA, Mexiko oder hier in Schweden. Ihr Gesumme ist keine Musik in meinen Ohren. Fairerweise muss man sagen, dass sie hier zumindest nicht gefährlich sind. Kein Malaria, kein Dengue und kein Zika kann übertragen werden. Aber sie sind überall gleich nervig: Mücken.

 

 

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