Heimweh

Über die Gründe des Reisens.

Und etwas was man nur finden kann, wenn man fort ist.

 

 

Irgendwo einmal las oder hörte ich weise Worte:

Es gibt zwei Arten von Reisenden. Einmal jene, welche reisen um zu entfliehen: der Heimat, eine oder mehrere Erfahrungen, Unglück in der Liebe, Unzufriedenheit in der Arbeit und dem Leben allgemein. Sie erhoffen dieses jene auf einer Reise hinter sich lassen zu können. Wollen ihren Kopf mit anderen Dingen füllen. Sich eventuell neu kennenlernen oder sogar neu erfinden?

Die zweite Art reist aus purer Neugierde. Aus Lust an Abenteuern und dem Unbekannten. Sie folgen dem Drang in die Welt zu wollen.

 

 

Auch wenn ich glaube, dass immer etwas von dem einen Grund auch im anderen zu finden ist, zählte ich mich stets zur zweiten Variante. Ich kündigte meinen Job nicht, weil ich unglücklich war. Ich verließ Dresden nicht, weil ich etwas hinter mir lassen wollte. Im Gegenteil: Ich war glücklich dort. Mir war bewusst, dass ich meine Familie, Freunde, ja und mein normales Alltagsleben auch vermissen würde. Das Klettern in der Säschischen Schweiz, Ausflüge hier und dorthin, Kaffee und Weine zusammen zu schlürfen, beieinander sein. Dennoch war mein Traum einer Radreise größer. Stets lebte er in meinem Hinterkopf und klopfte an, wollte gehört werden. Die Lust auf etwas Großes, neues, Unbekanntes war mal wieder da und anstatt es immer nach hinten zu schieben, wie es so viele tun, entschied ich eines Tages: Aufhören zu Träumen. TUN.

 

 

"[...] Tiere wandern unter dem Zwang des Naturgesetzes dem Licht, der Wärme und der Nahrung nach, wie Schlingpflanzen an unsichtbaren Stauden. Und auch Menschen, die in Geschäften reisen, und sei es rund um die Erde, sind nur solche Schlingpflanzen. Aber in Freiheit reisen, aus bloßer Neugierde reisen und sei es nur eine Meile weit, bedeutet etwas Ungeheueres: Rebellion gegen die Natur, autonom gewordenes Menschentum außerhalb des Gesetzes. Es wird einem schwindlig, wenn man es bedenkt. (Ein Glück, daß Hochtouristen dies selten tun.) Denn jetzt erst hat man seine Wurzel aus dem Boden gerissen, sich locker gemacht, losgelöst, gegenübergestellt. Man könnte fast Angst bekommen, daß der rollende Erdball einen abwirft, wie das Wagenrad den Straßenkot. Wenn einer in Geschäften reist, kommt er nicht weit. Er kommt überhaupt nicht in die Fremde, denn er bleibt eingeschlossen in seinen organischen Lebensprozeß. Seine Reisen bleiben externe Funktionen seiner Ernährung, wobei zwischen der Verdauungsarbeit seiner Gedärme und seiner Ozeanfahrt kein prinzipieller Unterschied ist.

Reist man aber frei, reist man aus sich heraus, dann wird schon der Bahnhof, was er für uns in unserer Kindheit war: mystischer Hafen der Abenteuer und des Schicksals. Wir spüren den süßen Kohlenduft der Ferne, und mit roten Lampen winkt uns das Unbekannte. Wir schauen den Kondukteur mit bangem Vertrauen wie einst den alten Pfarrer an. Er ist nicht nur Staatsangestellter, sondern auch Wärter unseres Schicksals. Vielleicht ein Wissender. Reisegefährten werden zu Schicksalsgefährten, und man spricht mit ihnen.

Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob man wirklich weit weg in unbekannte Fremde fährt. Dieser Zustand des Reisens ist ein innerer Zustand. Man verhält sich anders zur Außenwelt. Man hat die Scheuklappen der vorgesteckten Ziele abgeworfen und die Gesetzesbande der Notwendigkeit. Man hat sich entblößt vor Zufall und Möglichkeit, in verliebter Sehnsucht. Denn Reisen heißt sich darbieten. Nicht, indem man die Welt an sich herankommen läßt. Man müßte dabei gar nicht aus dem Zimmer gehen.

Es gibt Glückliche, die ihr ganzes Leben auf Reisen verbringen, ohne die Stadt zu verlassen. Man nennt sie Dichter. Von Cervantes bis Fritz Reuter wissen wir von manchen, die, lange Jahre in eine Zelle gesperrt, alle Tage eine Fülle von Abenteuern erlebten. Vielleicht müßte man gar nicht aus dem Zimmer gehen?

Menschen, die nicht die Vitalität aufbringen, über jede Stunde wie über ein neues Wunder zu staunen, brauchen den äußeren Reiz, die Injektionen der Reiseeindrücke, um nicht einzuschlafen. Der stumpfste, phantasieloseste unter allen Menschen muß der Globetrotter sein.

Doch eines ist da, scheint mir, was man nicht erleben kann, ohne wegzufahren, und ist doch das tiefste und süßeste aller Erlebnisse: das Heimweh. Denn wo ist man zu Hause? Nicht unbedingt dort, wo man wohnt. Und kein Wohlbehagen zeigt es uns an. Nur dieses Weh. Wer es nicht kennt, hat keine Heimat. Vielleicht fährt man manchmal nur fort, um im Heimweh eine Heimat zu erleben?

Und wem dies nicht gelingt, der denkt sich: Bist du ein Fremdling, so tust du gut daran, weiter zu wandern, um Distanz zu behalten. Denn das Gemüt ist klebrig, und leicht entsteht die Lüge einer Scheinheimat.

Wandere weiter und bleibe fremd."

 

[Béla Balázs: Reisen, aus: Genschow, Karen: Kleine Philosophie des Reisens. Fischer 2012. S. 9-11]

 

 

Und ich ging auf Reise. Bin es immer noch. Wollte auch noch bis nach Griechenland. Und plötzlich kam da dieses Gefühl... Eine Sehnsucht. Nicht für die Weite, sondern es zog mich gen Heimat. Die Gründe dafür sind verschieden und vielfältig. Nicht zuletzt trug das Wetter und der schwindende Sommer (der ja eigentlich nie richtig da war für mich) einen großen Teil dazu bei. Mal für ein paar Nächte in der Kälte zu radeln und zu campieren ist schön, aber auf Dauer bin ich wohl eher ein Wärmeliebender Mensch. Zumal mein Schlafsack auch schon bessere Zeiten hinter sich hat.

 

Somit ziehe ich nun durch Polen gen Heimat: Dresden.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Manuel (Dienstag, 10 Oktober 2017 22:36)

    Yeah... Endlich wieder ein Katzenfoto ;-)