Erinnerungen.

Von herzerwärmenden Kindheitserinnerungen

und über das Nichtstun.

Ach ja - und ein Haufen Bilder.

 

 

Schweden hat und hatte schon immer einen besonderen Wert für mich. Es ist nicht nur irgendein Land. Es hat besonderen Status für mich. Grund ist meine Kindheit.

Schon als ich noch im Bauch meiner Mutter war, schwamm ich mit ihr in einem See in Värmland, Schweden. Von da an plätscherte ich jedes Jahr meiner Kindheit in diesem Wasser. Selbst über die Kindheit hinaus zog es mich immer wieder dahin. Schuld sind wohl meine Großeltern. Vor 35 Jahren entschieden sich diese dort ein kleines Häuschen am Waldesrand zu bauen. Sie verbrachten daraufhin fast das ganze Jahr dort, kamen nur selten nach Deutschland. Dementsprechend verbrachte meine Familie dann jeden Sommer und teilweise auch die Winterurlaube dort.

 

 

Meine Familie wohnte in verschiedenen Häusern, aber immer in der Nähe meiner Großeltern. Anfangs war das ein großes, altes Haus auf einem Hügel. Es war wunderschön. Weder hatte es fließend warmes Wasser noch eine funktionierende richtige Toilette. Wir gingen hinaus aufs Plumpsklo, wo man dank zweier Löcher sogar nebeneinander sitzen konnte ;) Von dort sahen wir hinab auf die Felder und den Waldesrand, beobachteten sogar hin und wieder Elche, während wir unsere Geschäfte erledigten. Mittels einem alten Holzkahn fuhren wir dann übers Wasser zu meinen Großeltern, wo wir mehr oder weniger den ganzen Tag am Wasser verbrachten. Mein jüngerer Bruder und ich waren mehr im Wasser als außerhalb. Immer wieder erstaunlich, dass Kinder kein kaltes Wasser zu scheuen scheinen. Meine Mutter oder Oma riefen und beorderten uns hin und wieder zum Lippen vorzeigen. Selbst wenn diese schon ganz blau und wir am zittern waren, wollten wir partout nicht aus dem Wasser. Hatten wir doch gerade erst neues Land erobert und die Piraten in die Flucht geschlagen.

 

 

Wir waren Entdecker, Segler, Taucher und Abenteurer. Fuhren auf dem Surfbrett meines Vaters zum nächsten Felsen, gingen von Bord um das neue Land zu erkundschaften. Tauchten durch das kristallklare Wasser und beobachteten die Fische unter uns. Opa nahm uns mit zum Angeln. Sommer wie Winter waren wir aber immer zu laut und somit schuld, wenn die erhofften Fische ausblieben. Dennoch zeigen alte Fotos meinen Bruder, wie er stolz den einen oder anderen Fisch in die Kamera hält und dabei höchst angestrengt schaut, da die Fische halb so groß sind wie er. Des Öfteren saßen wir Stunden in dem Boot, weil sich die vielen Angelschnüre meines Opas völlig verhedderten. Die Hälfte der Zeit verbrachte er dann damit, diese wieder auseinander zu sortieren.

Wir sammelten Pilze und strömerten durch die Wälder. Mama sandte uns hin und wieder mit einem Eimerchen ausgestattet in die Beeren. Walderdbeeren, Himbeeren und Blaubeeren sollten wir pflücken. Leider kamen wir meist mit schlechter Ausbeute, aber komplett rot beschmierten Mündern nach Hause. Wir wanderten über Wildwiesen, entlang von kleinen Feldwegen und sprangen durch Pfützen.

 

 

In Pfützen sammelten wir Kaulquappen. Dem Tod durch Sonneneinstrahlung und Austrocknung wollten wir sie nicht Überlassen. Somit brachten wir sie in den See und ließen sie frei. Riesige Grashüpfer wurden eingefangen und ein Weilchen im großen Glas beobachtet, bis wir sie wieder in die Freiheit entließen.

Das Haus meiner Großeltern war und ist ein Ort der puren Gemütlichkeit für mich. Wie bei vielen ist Oma sowieso die beste Köchin und Opa der Beste, da er mir die Füße kraulte. Hier hatte ich jedoch regelmäßig Kämpfe gegen den Kater auszufechten, da der seinen Platz neben Opa für sich beanspruchte. Meistens lief es also auf eine Art Kette hinaus: Ich kraulte den Kater und mein Opa meine Füße.

 

 

Wir wurden uns selbst überlassen. Wir konnten machen, was wir wollten. Wir waren jeglicher Zeit entrissen. So wie bei Langzeitreisenden, die vergessen welcher Wochentag ist. Wir erlebten dort eine Art eine Bullerbü-Romantik. Es waren die schönsten Ferien meiner Kindheit. Jeden Sommer. Selbst als Erwachsene fuhr ich in das Haus meiner Großeltern. Ich verbrachte meine Sommerferien von der Arbeit teilweise alleine im Haus im Wald und machte: ? Nichts. Nichts und doch soviel. Ich las. Ich kochte. Ich ging in die Pilze. Ich lag in der Sonne. Ich spazierte in der Gegend. Ich roch die Frische, welcher nach einem Sommerregen in der Luft lag. Ich saß in der Sonne und tat nichts. Ich genoss das Nichtstun. Ich war faul. Ich war alleine. Ich kam zu mir. Ich atmete.

Schweden scheint für mich zu einer Art Metapher geworden zu sein. Wenn ich die Wälder hier sehe, die Seen, die Blumenwiesen und einzelne rote Farbtupfer, alte Holzhäuser, merke ich wie sofort dieses Gefühl in mir aufkommt. Ruhe breitet sich aus.

 

 

Was haben wir in den Sommerferien gemacht? Nicht viel. Keine Ausflüge, keine Besuche irgendwelcher Entertainment-Parks, keine Weiterbildung, keine Kurse. Wir waren einfach nur da. Und ich fühlte mich freier denn je. Wir leben in einer Gesellschaft, die eine stete Leistung erwartet. Ein stetes TUN. Eine allgemeine Umtriebigkeit. Alles soll optimal genutzt werden. Man soll sich stets weiter entwickeln. Neue Dinge erleben. Auch in der Freizeit, im Wochenende, im Urlaub. Es gibt Erwartungserhaltungen, die man bestmöglich auf Instagram, facebook und co erfüllt. Beweise der Gesellschaft, dass du etwas GETAN hast, deine Zeit optimal GENUTZT hast, dass du etwas ERLEBT hast. Wir hatten genau das Gegenteil. Fuhren jede Sommerferien an den gleichen Ort, taten das gleiche und fuhren eben nicht in irgendwelche weit entfernten Länder. Zurück in der Schule war ich manchmal traurig und beneidete die anderen Kinder, welche von Hotelanlagen erzählten. Heute bin ich froher denn je, dass wir die Sommer so verbrachten, wie wir sie verbrachten. Mit vermeintlichem Nichtstun und nur DASEIN.

 

 

Das brauche ich immer noch. Vermeintliches Nichtstun. Die Seele baumeln lassen. In der Gegend herum starren und die Gedanken wandern lassen. Tagträumen. Oder Gesellschaft genießen.

Während meiner Schwedentour besuchten mich zwei Freunde aus Dresden für zehn Tage. Das Fahrradfahren wurde zur Nebensache. Stattdessen verbrachten wir Stunden am Morgen mit Quatschen und Lachen. Genossen das Beisammensein. Gegen 2 oder 3 Uhr nachmittags schafften auch wir es dann mal aufs Rad und fuhren noch unsere 70 km um etwas voran zu kommen, bis wir das nächste Lagerfeuer entfachten und weiter redeten.

 

 

Aktuell befinde ich mich in Tallinn, Estland. In Stockholm und hier habe ich mal wieder ein paar längere Tage pausiert und rum gebummelt. Zeit mit tollen Menschen verbracht und dies und das getan. Ich besuchte Peter (von den Lofoten), sah Rebecka wieder (mit der ich in Norwegen zusammen fuhr) und bekam erneut Besuch aus Deutschland.

 

 

In den nächsten Tagen geht es dann aber endlich wieder aufs Fahrrad. Das Baltikum und Osteuropa erwartet mich!

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Manuel (Dienstag, 19 September 2017 17:55)

    süße Katzenfotos ;-)

  • #2

    Felix Ihlefeldt (Dienstag, 19 September 2017 19:50)

    Ich freue mich zu lesen, mit welcher Leichtigkeit du reist. Und deine fotografische Begabung stellt selbst meine in den Schatten!

  • #3

    Pascal (Mittwoch, 20 September 2017 16:04)

    Mal wieder ein toller Blog-Eintrag. Sehr nostalgisch und fast schon ein bisschen melancholisch.

    Was sollen da die Kids von heute denken... so ganz ohne Ipad und Playstation?! Die jungen Menschen haben doch wirklich keine Kindheit mehr, sondern werden quasi schon ab der Grundschule auf Leistung hin gezüchtet. Draußen spielen, toben und die Welt erkunden? Das hat heute doch fast schon einen altmodischen Beigeschmack bekommen.

    Bin außerdem beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit und Freundlichkeit die nordischen Völker, besonders die Schweden, das Leben bestreiten.
    Davon können wir Deutschen uns absolut eine Scheibe abschneiden.

  • #4

    Andreas (Donnerstag, 21 September 2017 21:08)

    Glückwunsch zu diesen schönen Erinnerungen!

  • #5

    Jens (Freitag, 22 September 2017 11:12)

    Ein wunderbarer Beitrag, sehr schön zu lesen..